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Kuschelkurs? ... Warum?

Aktualisiert: 18. März 2021

Auf dem Verkehrsübungsplatz sage ich: "Ich suche Argumente für nahes Auffahren,

habt ihr welche?" ... Betretenes Schweigen, gesenkte Häupter ... Dann sagt Martin:

"Macht Bock, ich sehe den Kollegen, es knattert." Ich sage: "Ja, super. 🤗"

Dann kommen auch die anderen aus den Socken, "Ja beim Überholen..."

Ich sehe das völlig anders und habe oftmals Spott, Hohn und Unverständnis dafür geerntet.

Anfangs hab ich es mit Logik probiert, dann habe ich einfach darum gebeten, meinen Wunsch nach Sicherheitsabstand zu respektieren, letztlich habe ich eine Taktik die funktioniert.

Während der Zigarettenpause suche ich die körperliche Nähe, "Wie? Eben hast du doch auch meine Nähe gesucht. Warum stellst'e dich denn jetzt so an?"

In der Regel sind es die besonders "harten Jungs" die meinen unsterblich zu sein, mich auslachen,

aber dann "Angst vor Nähe" haben. 😉


Und dann gibt es ja noch Fakten, also richtige Fakten, keine alternativen Fakten. Dazu später mehr...

Diese 3, oben im Bild, haben einen sehr guten Grund, auf Kuschelkurs zu gehen:

Fotos für'n Vergleichstest. Drei hochkonzentrierte Profis, die genau wissen was sie tun.

Darüber hinaus sieht's auf den Bildern immer sehr, sehr viel schneller aus, als es in Wirklichkeit ist!

Aus meiner Sicht ist ein Foto der EINZIGE Grund nah aufzufahren! Sonst passen nicht alle auf's Bild.


Aber dann waren da ja auch noch K. Ich: " Was haste denn da für 'ne Narbe am Daumen?"

K.: " Ich war mit meinem Kumpel unterwegs, die letzten Meter auf der Autobahn 'n bisschen flotter .

Er ist dann vom Gas gegangen, genau in dem Moment als ich in den Spiegel geguckt hab und dann lagen wir auch schon beide auf der Straße."

Oder E. der mit seiner frisch lackierten Ducati auf 'nem Beschleunigungsstreifen zum einfädeln kurz nach hinten schaut, der Vogel vor ihm aber bremst.... Zack!

R. war wegen zu wenig Abstand in einer Saison in 3 Unfälle involviert und hat es immer noch nicht gecheckt.

Ich selbst bin vor langer Zeit meinem Freund C. fast hinten drauf gesemmelt, ich schau nach links und denk, das schaffen wir noch, er denkt genau das Gegenteil und bremst ..... Nomma Glück gehabt!

Aber ich bin ja neugierig und lerne gern dazu.


Das Problem ist unser Hirn.

Der Verhaltensforscher Bernt Spiegel deckt in seinem großartigen Buch "Die obere Hälfte des Motorrads" die blinden Flecken unseres Oberstübchens sehr anschaulich auf.

"Renn doch mal so schnell wie du kannst gegen die Wand." ...

Kannst'e dir schon vorstellen was dir blüht, oder?

Würdest du im Freibad vom 10 M Turm springen,

aber bitte nicht ins Wasser, sondern daneben auf die Fliesen?

Entspricht ca. 50 Sachen

(50km/h entsprechen einem Sturz aus 9,8m, Quelle: https://tinyurl.com/r2k7yys )

Gibt's eigentlich 20 Meter Türme in Freibädern? Würde dann 70 km/h entsprechen.

50 oder 70, das empfinden doch nur Weicheier als bedrohlich, richtig?


Da wir uns aus eigener Kraft aber niemals in diesem Tempo fortbewegen können,

hat der liebe Gott in unserem Hirn kein Bedrohungserlebnis programmiert.

Das heißt aber nicht, dass es nicht bedrohlich ist.

Guckst du ....

oder ...


Und noch mal Verhaltensforscher Bernt Spiegel in "Die obere Hälfte des Motorrads"

über die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität, ich zitiere :


... Nehmen wir an, eine kleine Autokolonne fährt mit 100 km/h daher. Da diese Geschwindigkeit als harmlos erlebt wird, halten die Fahrer einen zu geringen Abstand ein - sagen wir 15m im Mittel.

Das sieht noch gar nicht so brenzlig aus, und wir wissen alle:

Die völlig Ahnungslosen pflegen noch viel dichter aufzufahren!

Wird nun aber Wagen 1 zu einer plötzlichen Vollbremsung gezwungen, und rechnen wir bei ihm und bei allen folgenden Fahrzeugen der Kolonne mit einer mittleren Verzögerung von 7,5 m/sek hoch 2, so fehlen wegen der Reaktions- und Umsetzzeit, die wir - mehr als optimistisch! - mit nur 0,7 sek ansetzen, dem 2. Wagen schon ca. 5 m Bremsweg, dem 3. Wagen 10 m, dem 4 Wagen 14 m usw.


Wenn wir die Deformation der Wagen einmal außer Acht lassen, dann heißt das, obwohl dem Wagen 2 nur eine Wagenlänge fehlt, hat er beim Aufprall noch saftige 35 km/h drauf. Beim Wagen 3 sind es bereits 44 km/h und der Wagen 4 schlägt schon mit 54 km/h ein - das kann bereits tödlich enden!

Und noch ein paar Wagen weiter hinten, hat der Fahrer nicht einmal mehr die Chance, noch vor dem Aufprall mit dem Fuß vom Gas auf das Bremspedal zu kommen. Bevor er es erreicht hat, ist er bereits voll (nämlich mit 100 km/h) aufgefahren - und mag er Weltmeister im schnellen Reagieren sein.


Was uns hier interessiert, ist weniger die Mechanik bei diesem Unfall, sondern die Tatsache, dass die Gefahr nicht anschaulich wird und ein Bedrohungserlebnis ausbleibt....




Und was soll jetzt für Abstand sprechen? ALLES!


Ich sehe mehr.... viel mehr!

Hier haben wir einen Abstand von ca. 30 Metern.

Wie wir sehen, sehen wir viel ...... und das schöne dabei ist, wir werden auch besser gesehen.

Das gilt übrigens auch für Leute, die vielleicht abbiegen wollen und die Lücke nach dem Lkw nützen wollen, weil sie es besonders eilig haben, gerade eine Nachricht auf dem Handy schreiben müssen,

dement (alt) oder unsterblich (jung) sind, vielleicht gerade mit ihrem Partner streiten,

oder was auch immer für Beweggründe sie haben, sich nicht auf den Verkehr zu konzentrieren.


Beim Überholen können wir locker Schwung holen und zack, sind wir auch schon vorbei,

scheißegal ob Superbike oder 125er, mit dem Superbike geht's dann halt noch schneller.

30 Meter Abstand.

Hier habe ich (bei gleicher Brennweite von 50mm, was in etwa dem menschlichen Auge entspricht)

einen Abstand von 5 Metern gewählt.

Wie wir sehen, sehen wir so gut wie nichts. Wenn jetzt der gestresste Businessman mit dem fetten SUV hinter dem Lkw eine Lücke vermutet und rauszieht, könnte er mich, wenn's doof läuft, erwischen.

Selber überholen? Mit dem flotten Moppet kein Problem,

aber mit Schwung geht's (auch mit 'nem flotten) bedeutend schneller.

Ich muss gerade an N. denken, der viele Km mit einer 600er Drehorgel mit ekelerregend hoher Drehzahl, direkt hinter einem Auto herfuhr. Da half es auch nicht, wutschnaubend auf der Fußraste rumzutrampeln, er kam nicht vorbei. Mit Schwung hätte es locker geklappt.

5 Meter Abstand.

Wir können uns auch an einer ganz einfachen Rechnung orientieren.

Wir fahren wieder mit 100 km/h und halten wieder 15m Abstand.

Wir sollten von einer Reaktionszeit von 1 Sekunde ausgehen.

100 km/h entsprechen 27,77778 m/s ... 15 Meter Abstand.

Merkst'e was?

Selbst bei sensationeller Reaktionszeit von 0,6 wird's nicht reichen.

Roland pflegt zu sagen: "Physik ist für uns alle da."

Da können wir nichts dran ändern, aber wir können uns ändern, wir können umdenken.

Wenn uns die Gefahr bewusst wird, wird sie zur Bedrohung und wir können den beliebten Instruktorenspruch "Gefahr erkannt, hineingerannt." endlich Ad Acta legen.


Brenzlige Situationen.

Die Blase, nichts spricht dagegen.

Ich hatte in den letzten 4 Jahren 4 gefährliche Situationen und sie kamen immer von hinten, 3 Motorräder, 1 Auto.

Hätte ich nicht auch die Augen im Rückspiegel

gehabt, hätte es gekracht.

Darüber hinaus sorge ich auch immer für eine

große Blase um mich herum.

Natürlich viel, viel größer als auf dem Bild rechts!


Ich vermeide es tunlichst, mich in toten Winkeln aufzuhalten und gehe IMMER davon aus übersehen zu werden.

Ich gehe davon aus unsichtbar zu sein.

Ich finde bei 25-30.000 km im Jahr sind 4 in 4 Jahren ganz ok.

Den lebenserhaltenden Wandel habe ich übrigens, neben Bernt Spiegel, auch Astrid und Frank zu verdanken.





Und jetzt mal Hand auf's Herz, wie viele brenzlige Situationen hattest du eigentlich im letzten Jahr?


Muss ich gar nicht wissen. 🤗


Feel Spaß

Uli










1.446 Ansichten4 Kommentare

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4 Kommentare


d.wolf
21. Feb. 2020

Hi Uli,bin der Dirk 52 komme aus Gütersloh fahr seit 6 Jahren ,ca 15 tsd im Jahr,zu 90 % mit Sozia

Am Anfang meiner Moped Zeit bin ich auch zu nah aufgefahren,und nach dem dann mein Hinterman mich dann mal über die Kreuzung geschoben hat,wollte ich nicht mehr hatte aber nicht lang angehalten.

Das mit der Blase um mich herum hab ich mir angelernt nach dem mir einer ungebremst an der Roten Ampel hinten Rein ( war ich in einer fetten Dose sonst würde ich nicht mehr hier sein ) geballert ist.

Fühlte sich so an als wenn der mit dem Baseball Schläger ohne Vorwarnung ausholt.Was folgt ist ein Trauma auf dem Moped,ich kann behaupten das mir Augen hinten gewachse…

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g0nz
18. Jan. 2020

Letztes Jahr auf ~8000 km tatsächlich nur 3 brenzlige Situationen. 2 x Pkw die mir auf leerer Landstraße auf meiner Spur entgegen kam (ich hätte durch nooooooch weiter rechts fahren entschärfen können, wurde dann aber doch entdeckt), 1 x in der Mecklenburger Walachai Streusplit in der Kurve. Blitzschnell in die Eisen, drüber gerollt, alles gut. Das Buch von Bernt Spiegel hatte ich vorletztes Jahr gelesen und ein paar Erkenntnisse gewonnen wie ich mich besser im Verkehr positionieren kann. Habe das Gefühl, dass das etwas geholfen hat. Auch mache ich jetzt ab und an Schlenker in der Spur, wenn ich das Gefühl habe, von weiter vorne herumirrenden Fahrzeugen nicht gesehen zu werden. Wirkt zwar assi, aber man erregt Aufmerksamkeit .

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moppetfoto
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04. Jan. 2020

Lieber wr, in dem Moment als es mir bewusst wurde (zum Glück ohne Schmerzen), gab es für mich überhaupt kein zurück mehr. Ich wünsche dir immer eine große Blase um dich herum. :-)

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wr
03. Jan. 2020

Ich bin mir der Problematik bewusst und versuche auf ausreichenden Abstand zu achten. Ich bin mir aber auch sicher, dass ich ganz oft zu nah auffahre. Vor Allem wenn ich mit meiner Mopedgang im Pulk unterwegs bin schaut's da oft nicht gut aus. Wenn wir nur nicht so verdammt wenig Knautschzone hätten...

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